Texte

„Nahe bei … Approximationen Derivate Surrogate

Christian Rätsch fotografierte für die hier gezeigte Serie künstlerische Objekte, die einzig gebaut waren, für den Zweck sie fotografisch festzuhalten. Das jeweilige Arrangement wird genau für den zuvor ausgewählten Blickwinkel positioniert und aus diesem fotografiert. Die dreiteilige Arbeit zeigt gleiche „Bauteile“, die jedoch für jedes Foto anders inszeniert wurden.

Es ist ein Prinzip, das der Künstler immer wieder verfolgt. Das künstlerische Objekt verschwindet nach der Aufnahme und ist nicht mehr real erlebbar, aus der dreidimensionalen Installation wird eine zweidimensionale Abbildung, die jedoch nun zum eigentlichen Kunstwerk sich wandelt.

Aus der analogen Arbeit wird eine Arbeit, die nicht nur die Frage nach der Echtheit berührt, sondern: Wie nahe kann ein Abbild dem Werk kommen? Eine nicht ganz unwesentliche Frage, für wohl fast alle Künstler:innen, die ihre Arbeiten in Katalogen oder im Netz zeigen.

Corona bedingt hat sich gar gezeigt, dass jene Thematik für sehr viele Kultureinrichtungen auch relevant wurde. Über einen längeren Zeitraum geschlossen und mit ihren Inhalten nicht mehr durch den Besuch vor Ort erlebbar. Was können daher (digitale) Alternativen?

Denise Ackermann, riesa efau, Motorenhalle, Dresden
Der Text erschien anlässlich der Ausstellung „Nahe bei … Approximationen Derivate Surrogate“

To whom it may concern

Christian Rätsch belongs to the young generation of artists in German contemporary art scene. Heis one of the artists who have a very rich and significant heritage of post modern art production since the 80’s and could make outstanding contributions to the developments of this artistic production with their works. He examines and deals with the space and the presence of human production within this space in consideration of the paradoxes of neocapitalism and globalisation. Christian Rätsch who prefers using industrial and everyday materials in his works, builds a sort of „witnessing“ relationship with the space.

His works wanders around the concepts such as “architecture”, “design”, „public space private space“,“ memory“, „art practice“ and “consumption culture”. In these interdisciplinary abstract works the personal and the impersonal, or reality and fiction deceive one another. From these works a world is reflected which is familiar but also alien, personal but universal as well. Through the abstract and geometrical presence of his works in the space he asks new questions about the daily life, about the tension between the intimate space and the public space. He seeks to display the irony of daily life and its relation to the work of art.

Beral Madra, Istanbul (art critic and curator, director of BM Contemporary Art Center

Christian Rätsch: Von humorvoller Leichtigkeit und einer schwerelosen Installation

Text zur Ausstellung „Building Pictures“ im Projektraum Fotografie, Dortmund

„ … Wie oft ist mir da schon alles kaputt gegangen, bevor ich ein Bild machen konnte.“1 Christian Rätschs Arbeiten entstehen intuitiv, für seine Installationen verwendet er alltägliche Dinge. Das sind in dieser Arbeit, Untitled (Paper & Plexi) von 2013, Papierstreifen, Flächen und Plexiglas und in einer zweiten Arbeit, Untitled (Paper, Sail & Pencil)von 2014, ein Bleistift, der von einem Segel aus Papier gehalten wird, welches an feinen, weißen Fäden im Raum hängt.

Rätsch, der bei Monika Brandmeier Bildhauerei studiert hat, spannt in seiner Arbeit immer wieder großformatige Materialien, beispielsweise Teppich, Transparentpapier und Stoffe, im Raum auf. Dabei schwankt die Betrachtung stets zwischen abstrakt erscheinenden Formen, die eine eigene Räumlichkeit innerhalb der meist rechtwinkligen Architektur des Umraumes aufbauen, auf der einen Seite. Und der humorvollen Leichtigkeit und Spontanität des konkreten, alltäglichen Materials, das sich in einem Büroraum finden lässt, auf der Anderen.

Im Gegensatz zu der Bildhauerei Rätschs sind die Installationen, die er in die Fotografie überträgt, meist flüchtiger: Fällt der Bleistift aus seiner Verankerung, löst sich die Installation auf. Die Fotografie ermöglicht es dem Künstler, die Installationen festzuhalten. Die Linien der Aufhängung des Papiersegels verfestigen sich zu grafischen Elementen, die auf eine weiße, eine transparente und eine beschattete Fläche hinzu beziehungsweise von diesen weglaufen. Einerseits ermöglicht die Fotografie es ihm, schneller zu arbeiten und eine Art Skizze im Raum zu gestalten. Andererseits fängt sie gerade die Leichtigkeit des Segels auf: Da die Perspektive der Fotografie festgelegt ist, bleibt nur sichtbar, was festgehalten werden soll. Die Verankerungen der Enden der Fäden, die den Bleistift festhalten, werden ausgeblendet, sodass die Installation scheinbar schwebt. Die Fotografie widersetzt sich der Schwerkraft und hält die Installation dauerhaft fest.

Julika Bosch, Dortmund 2014

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Auszug aus einem Gespräch mit dem Künstler.

„Christian Rätsch“

Off Space Projekt, ehemalige Weinbauschule, Bernkastel-Kues

In der Eingangshalle der Ausstellung befinden sich fünf Photoarbeiten, die exemplarisch für CHRISTIAN RÄTSCHs (*1984, in Bad Segeberg) Herangehensweise sind. Hierbei verfolgt er keine figurative, konkrete oder narrative Darstellung, sondern schichtet, überlagert, vereint unterschiedlichste Elemente und Materialitäten in einem Bildraum, die dort miteinander reagieren. Durch die Verschmelzung der Objekte, die ihren ursprünglichen Charakter niemals verschleiern (das Paket bleibt Paket, ein Bleistift ein Bleistift), entstehen Arbeiten, die auf den ersten Blick an formalistische Malerei anmuten. Durch ein kontrastreiches Spiel von Form und Farbe lösen sich die Bildtiefen auf und in der Folge stellt sich die Wirkung einer zweidimensionale Collage ein. In seiner Praxis vollzieht RÄTSCH den Spagat zwischen Photographie, Malerei, Plastik und Collage; sein Ausgangspunkt ist immer eine dreidimensionale Installation, die er im Ausschnitt mittels seiner Kamera in die Zweidimensionalität überträgt; die Photographie wiederum vermittelt den Eindruck von graphischer Malerei. Für seine Einzelausstellung im Off~Space~Projekt hat RÄTSCH zwei neue Installationen geschaffen von denen o.T. (Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau) einen starken Bezug zu der Arbeitsweise seiner Photographien aufweist. Ihr Ausgangspunkt bildet ein installatives Arrangement aus Papieren, Filz und Kunstleder, die innerhalb der Kastenkonstruktion aufgespannt werden; diese verhält sich ähnlich zum Aufbau im Kontext seiner Photographie.

Doch während bei den Photoarbeiten die Installation rein der Produktion des Photos vorbehalten und nicht als Dokumentation einer Arbeit zu verstehen ist, wird hier der Prozess und Aufbau offengelegt und zum eigenständigen Werk. Die Plastik ist nicht auf einen einzigen Betrachter-standort ausgerichtet, sondern lädt zur allseitigen Betrachtung ein. Hier bei verändert sich nicht nur der grundlegende Eindruck im Zusammenspiel der Materialien, sondern es können auch versteckte Details entdeckt werden, die dem Werk, wie auch innerhalb seiner Photographien, eine humoristische Note verleihen. Im großen Saal befindet sich die raumgreifende Installation. Mit Seilen, Klebeband, Winzertischdecken, Stahlrohren und Holz breitet sie sich aus der hinteren linken Ecke in den leeren Raum aus,zerteilt diesen und schafft unterschiedliche Achsen. Wie auch in seinen Photographien treten die einzelnen Materialien und Formen in einen Dialog. Die Installation lädt zum herum-schreiten ein, wo durch sich immer wieder unterschiedliche Konstellations- und Spannungsgefüge ergeben. RÄTSCH löst somit nicht nur den Raum auf, indem seine Installation in die Leere hineingeht, sondern greift auch mit einer flächigen Malerei den Boden auf um sie fest zu verorten und einen aktiven Bezug zur Architektur herzustellen; so werden Installation und Raum vereint und bilden als Einheit eine weitere sklupturale Ebene. Die Arbeiten von CHRISTIAN RÄTSCH hinterfragen unsere Sehgewohnheiten; er bricht die Tiefe von Plastiken auf, erweitert Räume und schafft so eine veränderte Wahrnehmung auf alltägliche Objekte, Architekturen und Materialien.

Katharina Rebel und Patrick C. Haas, Köln 2014