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Christian Rätsch: Von humorvoller Leichtigkeit und einer schwerelosen Installation

„ … Wie oft ist mir da schon alles kaputt gegangen, bevor ich ein Bild machen konnte.“1 Christian Rätschs Arbeiten entstehen intuitiv, für seine Installationen verwendet er alltägliche Dinge. Das sind in dieser Arbeit, Untitled (Paper & Plexi) von 2013, Papierstreifen, Flächen und Plexiglas und in einer zweiten Arbeit, Untitled (Paper, Sail & Pencil)von 2014, ein Bleistift, der von einem Segel aus Papier gehalten wird, welches an feinen, weißen Fäden im Raum hängt. Rätsch, der bei Monika Brandmeier Bildhauerei studiert hat, spannt in seiner Arbeit immer wieder großformatige Materialien, beispielsweise Teppich, Transparentpapier und Stoffe, im Raum auf. Dabei schwankt die Betrachtung stets zwischen abstrakt erscheinenden Formen, die eine eigene Räumlichkeit innerhalb der meist rechtwinkligen Architektur des Umraumes aufbauen, auf der einen Seite. Und der humorvollen Leichtigkeit und Spontanität des konkreten, alltäglichen Materials, das sich in einem Büroraum finden lässt, auf der Anderen.

Im Gegensatz zu der Bildhauerei Rätschs sind die Installationen, die er in die Fotografie überträgt, meist flüchtiger: Fällt der Bleistift aus seiner Verankerung, löst sich die Installation auf. Die Fotografie ermöglicht es dem Künstler, die Installationen festzuhalten. Die Linien der Aufhängung des Papiersegels verfestigen sich zu grafischen Elementen, die auf eine weiße, eine transparente und eine beschattete Fläche hinzu beziehungsweise von diesen weglaufen. Einerseits ermöglicht die Fotografie es ihm, schneller zu arbeiten und eine Art Skizze im Raum zu gestalten. Andererseits fängt sie gerade die Leichtigkeit des Segels auf: Da die Perspektive der Fotografie festgelegt ist, bleibt nur sichtbar, was festgehalten werden soll. Die Verankerungen der Enden der Fäden, die den Bleistift festhalten, werden ausgeblendet, sodass die Installation scheinbar schwebt. Die Fotografie widersetzt sich der Schwerkraft und hält die Installation dauerhaft fest.

Julika Bosch, Dortmund 2014

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Auszug aus einem Gespräch mit dem Künstler.

„CHRISTIAN RÄTSCH“

Off Space Projekt, ehemalige Weinbauschule, Bernkastel-Kues

In der Eingangshalle der Ausstellung befinden sich fünf Photoarbeiten, die exemplarisch für CHRISTIAN RÄTSCHs (*1984, in Bad Segeberg) Herangehensweise sind. Hierbei verfolgt er keine figurative, konkrete oder narrative Darstellung, sondern schichtet, überlagert, vereint unterschiedlichste Elemente und Materialitäten in einem Bildraum, die dort miteinander reagieren. Durch die Verschmelzung der Objekte, die ihren ursprünglichen Charakter niemals verschleiern (das Paket bleibtPaket, ein Bleistift ein Bleistift), entstehen Arbeiten, die auf den ersten Blick an formalistische Malerei anmuten. Durch ein kontrastreiches Spiel von Form und Farbe lösen sich die Bildtiefen auf und in der Folge stellt sich die Wirkung einer zweidimensionale Collage ein. In seiner Praxis vollzieht RÄTSCH den Spagat zwischen Photographie, Malerei, Plastik und Collage; sein Ausgangspunkt ist immer eine dreidimensionale Installation, die er im Ausschnitt mittels seiner Kamera in die Zweidimensionalität überträgt; die Photographie wiederum vermittelt den Eindruck von graphischer Malerei. Für seine Einzelausstellung im Off~Space~Projekt hat RÄTSCH zwei neue Installationen geschaffen von denen o.T. (Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau) einen starken Bezug zu der Arbeitsweise seiner Photographien aufweist. Ihr Ausgangspunkt bildet ein installatives Arrangement aus Papieren, Filz und Kunstleder, die innerhalb der Kastenkonstruktion aufgespannt werden; diese verhält sich ähnlich zum Aufbau im Kontext seiner Photographie. Doch während bei den Photoarbeiten die Installation rein der Produktion des Photos vorbehalten und nicht als Dokumentation einer Arbeit zu verstehen ist, wird hier der Prozess und Aufbau offengelegt und zum eigenständigen Werk. Die Plastik ist nicht auf einen einzigen Betrachter-standort ausgerichtet, sondern lädt zur allseitigen Betrachtung ein. Hier bei verändert sich nicht nur der grundlegende Eindruck im Zusammenspiel der Materialien, sondern es können auch versteckte Details entdeckt werden, die dem Werk, wie auch innerhalb seiner Photographien, eine humoristische Note verleihen. Im großen Saal befindet sich die raumgreifende Installation. Mit Seilen, Klebeband, Winzertischdecken, Stahlrohren und Holz breitet sie sich aus der hinteren linken Ecke in den leeren Raum aus,zerteilt diesen und schafft unterschiedliche Achsen. Wie auch in seinen Photographien treten die einzelnen Materialien und Formen in einen Dialog. Die Installation lädt zum herum-schreiten ein, wo durch sich immer wieder unterschiedliche Konstellations- und Spannungsgefüge ergeben. RÄTSCH löst somit nicht nur den Raum auf, indem seine Installation in die Leere hineingeht, sondern greift auch mit einer flächigen Malerei den Boden auf um sie fest zu verorten und einen aktiven Bezug zur Architektur herzustellen; so werden Installation und Raum vereint und bilden als Einheit eine weitere sklupturale Ebene. Die Arbeiten von CHRISTIAN RÄTSCH hinterfragen unsere Sehgewohnheiten; er bricht die Tiefe von Plastiken auf, erweitert Räume und schafft so eine veränderte Wahrnehmung auf alltägliche Objekte, Architekturen und Materialien.

Die Ausstellung, initiiert vom Verein für Kunst, Kultur und Inklusion, wird gefördert durch:
Sparkasse EMH, Peter Mertes Weinkelerie, Michaels-Gesellschaft e.V., Ferienland Bernkastel-Kues, Peter Ackermann Oenotech GmbH

Katharina Rebel und Patrick C. Haas, Köln 2014

Christian Rätsch bin ich während meiner Zeit in Istanbul das erste Mal begegnet. Dort sah ich auch die erste Installation des jungen in Dresden lebenden Künstlers, die wie sein gesamtes skulpturales Werk besonders das Raumgefühl des Betrachters beeinfusst. In den MauMau-Ateliers war die Arbeit Ohne Titel (2013) im Treppenhaus aufgespannt. An dünnen Seilen befestigte er Papier- und Plastikelemente die im Raum und während des Aufstiegs eine ständige Veränderung vollzogen, ein kontinuierliches Zusammenziehen und Ausdehnen, das sich auch auf den Raum auswirkte.
Rätsch arbeitet meist mit alltäglichen Materialien wie Strickwaren, Stofftaschen, Pappkartons und Gummi. Diese setzt er mit einfachen Gesten in einen spannungsreichen Kontrast. Er versteht es mit einer vom Minimalismus der 1960er Jahre inspirierten Formensprache dem gesellschaftlichen Spannungsgefüge – der Position und Zerrissenheit seiner Generation – Gehör zu verschaffen. Der Rückgriff auf einfache meist geometrisch Formen scheint dabei nicht antiquiert, denn durchs das Hängen, Überlappen und Verschränken der einzelnen Elementen in seinen Skulpturen überführt er sie in einen neuen Kontext. Ähnlich funktionieren seine Zeichnungen, die oft Studien für seine Skulpturen sind. Mit einfachen Linien spannt er auch hier die Objekte in einen leeren Raum auf, dabei verweisen kleine gezeichnete Druck- und Schneidemarkierungen – ein Kreuz das Kreise durchsticht – auf ein fragwürdige Herkunft seiner Zeichnung. In seinen Fotografen spielt zusätzlich die Reproduktion eines Werks an, wie die Frage nach dem Original.

Zu einer Symbiose seiner Zeichnungen und Skulptur kommt es in seinen Collagen und Fotografen. Sie setzen sich mit Materialfragen und Raumerfahrungen auseinander. Dabei ist auf den ersten Blick nicht immer klar ob es sich um ein abstraktes Gemälde, eine Fotografe oder auch eine Dokumentation handeln könnte. Sein bedachter Einsatz und das Spiel mit der Materialität führt, wie in seinen Skulpturen, zu einer spannungsgeladenen Wahrnehmung.

Patrick C. Haas, Bonn